Neun Teams drohen mit dem Austritt aus der European League of Football. Sie werfen dem Besitzer der Liga vor, er sei seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen.
photo: Noa Monn
Das Schweizer Team Helvetic Mercenaries hat in dieser Saison in der European League of Football jede Partie verloren. Die Tribünen des Preussen-Stadions, erbaut 1938, sind ungedeckt. Es gibt keine Sitze, nur einige Bänke und Stehplätze, dazu ein in die Jahre gekommenes Garderobengebäude und eine rissige Leichtathletik-Bahn. Zwei Männer in Football-Ausrüstung warten dort vor zwei rosafarbenen Dixi-WC-Kabinen. Ihre Teamkollegen stehen daneben unter Pavillon-Zelten, erwarten die Halbzeitansprache des Coaches. Das Preussen-Stadion im Südosten Berlins bildet aber in diesem Fall nicht die Kulisse für einen Plauschwettkampf, sondern für eine Partie der stärksten Football-Liga Europas. Hier spielen die Berlin Thunder.
Die European League of Football (ELF) gibt es seit 2020, in diesem Sommer läuft die fünfte Saison. Sechzehn Franchises aus neun Ländern spielen mit. Die ELF ist nach dem Vorbild der National Football League (NFL) organisiert. Wie in der milliardenschweren US-Liga gibt es Teambesitzer, die der Liga eine Franchise-Gebühr entrichten. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten mit der schillernden und glamourösen NFL – statt glitzernder Arenen und hochmoderner Trainingszentren sieht die Realität in der ELF vielerorts wie in Berlin mit dem Preussen-Stadion und dem Dixi-Klo aus.
Ins Leben gerufen haben die ELF der Hamburger Sportmanager Zeljko Karajica und Patrick Esume. Letzterer ist das Gesicht der NFL-Übertragungen im deutschen Fernsehen, erlangte als Experte am Bildschirm unter Football-Aficionados Kultstatus. Karajica und Esume folgten mit der Gründung einer paneuropäischen Liga einem Trend: Das Interesse an American Football wächst in Europa, besonders bei jungen Menschen.
Längst hat auch die NFL diese Entwicklung erkannt, sie trägt regelmässig Ligaspiele in Europa aus: in England, Deutschland, Irland und Spanien. Karajica und Esume wollten an diesem Wachstum partizipieren, doch nun droht die ELF zu scheitern. Deutsche Medien schreiben von einer «tiefen Krise» oder von einem «heftigen Beben».
60 bis 100 Personen fahren mit zu Auswärtsspielen
In der ELF tobt seit Monaten ein Konflikt zwischen den Teams und der Liga. Neun Franchises haben sich in der European Football Alliance (EFA) organisiert und üben Kritik an den Liga-Oberen. Die Mannschaften partizipieren an den Einnahmen der ELF, an TV- und Sponsorengeldern. Das Verteilprozedere und die Kommunikation mit den Teams seien jedoch zu intransparent; es fehle die Planungsgrundlage, weil offen sei, wie viel Geld eine Franchise von der Liga bekommen werde.
Der Geschäftsführer der Frankfurt Galaxy, Eric Reutemann, sagte der «FAZ»: «In den letzten Jahren ist die ELF schlichtweg ihren vertraglich-finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Franchises wiederholt nicht nachgekommen.» Hinzu kommt Kritik an der Infrastruktur – siehe Preussen-Stadion. Und daran, dass jedes Team die Reisen von Spielern und Staff selbst organisieren müsse.
Mannschaften der ELF reisen mit jeweils 60 bis 100 Spielern und Staff-Mitgliedern an Auswärtsspiele. Der Liga fehlen jedoch ein Hotel- oder Reisepartner sowie ein einheitliches Buchungssystem. Die neun abtrünnigen Teams drohen wegen all dieser Probleme sogar mit einem Austritt aus der ELF und der Gründung einer eigenen Liga.
Mario Hommes / DeFodi via Getty
Er hat die European League of Football mitbegründet, doch nach dem Saisonende zieht er sich zurück: Patrick Esume.
Eine Franchise kostet pro Jahr mindestens einen hohen sechsstelligen Betrag
Sandor Moor teilt die Kritik zu grossen Teilen. Er ist der Besitzer der Helvetic Mercenaries, des einzigen Schweizer Teams in der European League of Football. Der Unternehmer hat die Franchise im Juni 2024 kurz nach der Gründung übernommen; das frühere Schweizer Team, die Helvetic Guards, ist nach nur einer Saison in Konkurs gegangen.
Moor und die Mercenaries verzichten auf die Mitgliedschaft in der EFA. Der Teambesitzer sagt: «Wir wollen die ELF in Zusammenarbeit mit der Liga entwickeln und nicht zerstören.» Auch er moniert, dass die Franchises zu wenig am Umsatz beteiligt seien: «Wir Teambesitzer müssen zu viel Geld einschiessen, um den Spielbetrieb am Laufen zu halten», sagt Moor.
Die Helvetic Mercenaries planten mit einem Budget zwischen 850 000 und einer Million Franken pro Saison, sagt Moor. Wie viel er von der ELF pro Saison bekommt, verrät er nicht. Moor sagt aber: «Der Beitrag ist nicht substanziell für unseren Etat.»
Die Mercenaries tragen ihre Heimspiele im Bergholz-Stadion in Wil (SG) aus. Pro Match kommen zwischen 1500 und 2400 Zuschauerinnen und Zuschauer, Moor ist zufrieden, auch wenn die Stadionmiete ein grosser Budgetposten sei. Und er sagt: «Was wir an Heimspielen einnehmen, geben wir bei den Auswärtspartien für Reise und Unterkunft aus.» Ein Nullsummenspiel – die Teams seien auf Beiträge aus dem Topf der TV-Gelder angewiesen.
Der zurückgetretene CEO ist immer noch Hauptbesitzer
Wegen des Streits zwischen der Liga und den Teams ist kürzlich die ELF-Spitze zurückgetreten. Esume war als Commissioner für die sportlichen Belange zuständig und kündigte den Rückzug per Ende dieser Saison an. In den sozialen Netzwerken schrieb Esume, es herrschten «unüberbrückbare Differenzen bezüglich der Führung und finanziellen Gestaltung der ELF mit deren Geschäftsführer Zeljko Karajica».
Auch Karajica wird per Ende Saison als CEO der ELF aufhören, wie freiwillig, ist offen. Der Sportmanager hält aber mit der SEH Sports & Entertainment Holding weiterhin 72 Prozent Anteile an der ELF. Der Rückzug von der operativen Ebene dürfte die Teambesitzer nicht besänftigen.
Die verfahrene Situation entschärfen soll nun Ingo Schiller, der lange als Manager im Fussball gearbeitet hat, unter anderem bei Hertha BSC. Er wird Finanzchef und Co-CEO und soll ab nächster Saison alleiniger Liga-Chef werden. Auf Anfrage der NZZ wollte sich Schiller nicht im Detail äussern, er liess ausrichten, er wolle sich zuerst in die Materie einarbeiten. Bei seiner Ernennung wurde er in einer Mitteilung zitiert, er wolle die Liga «stabilisieren und nachhaltig aufstellen». Schiller verfügt über eine Ausbildung zum Mediator – diese Kompetenz dürfte in der ELF vonnöten sein.
Moor, der Besitzer des Schweizer Teams, glaubt an die Zukunft der ELF, auch wenn es Verbesserungspotenzial gebe. Die Helvetic Mercenaries haben eine schwache Saison hinter sich, sie haben alle Spiele verloren. Trotzdem sagt Moor, er gehe davon aus, dass es die ELF auch in der kommenden Saison geben werde: «Und die Helvetic Mercenaries werden mitspielen. Wir haben noch einen Vertrag für drei Saisons.»











